Engagement ohne Grenzen

05.08.26 (von ivk-jW) Die Historikerin Johanna Fernández kämpfte zeitlebens gegen das US-Gefängnissystem und für die Freiheit des politischen Gefangenen und Bürgerrechtlers Mumia Abu-Jamal. Sie gab auch der radikalen Latinobewegung eine Stimme, die nach ihrem Tod fehlen wird

Link zum Artikel in junge Welt Nr. 179 vom 5. August 2026: Bitte HIER klicken![1]

Engagement ohne Grenzen
Im deutschsprachigen Raum ist der Name der US-Historikerin Johanna Fernández vor allem durch die Berichterstattung über den Fall des aus Philadelphia stammenden politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal bekannt. Seit vielen Jahren trat die New Yorkerin entschieden für die Freilassung des US-Bürgerrechtlers und den Schutz seines Lebens ein. Wie junge Welt von Mumia-Solidaritätsgruppen aus Paris und dem Baskenland erfuhr, ist die mutige Verfechterin der Abschaffung des Gefängnissystems bereits am 30. Juli nach längerem Kampf ihrem Lungenkrebsleiden erlegen. Sie wurde nur 55 Jahre alt.
Das Pariser Kollektiv »Libérons Mumia« zeigte sich bestürzt über die Todesnachricht: »Erst kürzlich hatte sie uns über ihren Gesundheitszustand und ihre Behandlung informiert, die sie sehr erschöpfte. Aber sie kämpfte tapfer gegen die Krankheit.« Die Aktivistin werde ihnen »mit ihren tausend Facetten« in Erinnerung bleiben: »Als engagierte Dozentin, Historikerin, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, die stets ein offenes Ohr für die Ärmsten und Rechtlosen hatte.« Ihr politisches Hauptanliegen sei gewesen, alle Formen der Diskriminierung anzuprangern und eine völlig andere Gesellschaft in den USA aufzubauen.
»Ihr Engagement für Mumia kannte keine Grenzen«, erklärte das Kollektiv aus eigenem Erleben. Durch ihre Medienarbeit als Sprecherin seines Verteidigungsteams und ihre Auslandsreisen – unter anderem nach Frankreich – habe sie zur Mobilisierung für seine Befreiung beigetragen. Auch das US-Bündnis »Mobilization for Mumia« würdigte in einem ersten kurzen Nachruf Fernández’ Engagement als Mitbegründerin der Kampagne »Bring Mumia Home«. Auf Konferenzen und bei Straßenprotesten prangerte sie das 1982 gegen Mumia gefällte Unrechtsurteil wegen der angeblichen Tötung eines Polizisten immer wieder an.
Als Autorin und Produzentin des im Jahr 2010 uraufgeführten Dokumentarfilms »Justice on Trial: The Case of Mumia Abu-Jamal« analysierte Fernández die Details der Justizfarce. Das im baskischen Bilbo (Bilbao) sitzende Portal Baskultur.info zitierte dazu die Aussage des US-Autors Robert Zaller: In dem Film gehe es »nicht darum, wie außergewöhnlich Mumias Prozess war, sondern wie typisch«. Der Film schildert detailliert die Gewalt und Korruption von Polizei und Staatsanwaltschaft in Philadelphia unter dem früheren »Law-and-Order«-Bürgermeister Frank Rizzo, der den kritischen Journalisten und ehemaligen »Black Panther« seit den 1970er Jahren systematisch verfolgen ließ.
Gemeinsam mit Abu-Jamal veröffentlichte Fernández 2014 eine Sonderausgabe der Zeitschrift Socialism and Democracy zu den Ursachen der Masseninhaftierung in den USA. Ein Jahr später gab sie den Band »Writing on the Wall: Selected Prison Writings of Mumia Abu-Jamal« (»Zeichen an der Wand: Ausgewählte Texte von Mumia Abu-Jamal aus dem Gefängnis«) heraus. Nachdem im selben Jahr offenbar wurde, wie sehr die jahrzehntelange Haft die Gesundheit ihres heute 72jährigen Genossen zerstört hatte, erklärte Fernández unermüdlich, dass nur seine sofortige Freilassung eine konsequente Heilung bringen könne.
Zuletzt arbeitete Fernández seit vielen Jahren als außerordentliche Professorin für US-Geschichte des 20. Jahrhunderts und soziale Bewegungen am Baruch College der City University of New York. Ihr eigener Weg durch das US-Bildungssystem war weit. Sie wurde am 2. Dezember 1970 in der New Yorker Bronx als Tochter ihrer aus der Dominikanischen Republik geflüchteten Eltern geboren und wuchs mit drei Brüdern in der Latino-Community auf. Folglich besuchte sie in der Grundschule zweisprachige Klassen und erlebte täglich die gleiche Art von rassistischer Diskriminierung wie puertoricanische Kinder und Jugendliche.
Als sie 2019 ihr mehrfach ausgezeichnetes Buch »The Young Lords: A Radical History« veröffentlichte, war sie also auch aus eigenem Erleben »Expertin«. Es ist seitdem das Standardwerk über die puertoricanischen »Young Lords«, von ihren Anfängen als Straßengang in den 1960er Jahren bis zu ihrem Aufstieg und Niedergang als politische Organisation, die sich bewusst an der Black Panther Party orientierte und gegen Rassismus und Klassenhass kämpfte. Auch hier waren Fernández und Abu-Jamal trotz ihres Altersunterschieds schon früh miteinander verbunden, und »Mobilization for Mumia« traf mit seinem Abschiedsgruß den Punkt: »Unsere Bewegung für Gerechtigkeit in dieser Welt hat eine ihrer beharrlichsten Kämpferinnen verloren. Johanna Fernández – ¡Presente!«
Jürgen Heiser


Links im Artikel: 1
[1] https://www.jungewelt.de/artikel/527370.free-mumia-engagement-ohne-grenzen.html

Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel2255.html
Stand: 07.08.2026 um 05:41:49 Uhr