|
Kolumne 1.183 vom 10.8.2026: Fanons Bewusstseinsstrom10.08.26 (von maj) In seiner jüngsten Kolumne widmet sich der politische Gefangene einmal mehr Frantz Fanon. Denn der algerische Antikolonialist sprach kraftvolle Wahrheiten aus, so dass die Menschen, die seine Worte lasen oder hörten, begriffen, warum die Revolution notwendig war
Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 183 vom 10. August 2026: Bitte HIER klicken! Fanons Bewusstseinsstrom Das war eine verdammt lange Strecke, die er in einem einzigen Leben zurücklegte, in dem er Großes erreichte und wunderbar schrieb, weil er bewusst schrieb. Er war ein überaus belesener und gelehrter Mann, der all seine intellektuellen Begabungen in den Dienst der algerischen Revolution gegen das französische Imperium stellte. Warum ist es für junge Menschen wichtig, Fanon zu lesen? Nun, wenn man ihn einmal gelesen hat, kann man das Gelesene nicht mehr vergessen. So erging es mir, als ich mit 14 oder 15 anfing, seine Bücher zu lesen. Ich fand sie umwerfend und nachhaltig prägend. Ich glaube, das gilt für viele junge Menschen: Wenn man ihn einmal gelesen hat, lässt er einen gedanklich nicht mehr los. Er hatte so viel zu sagen und drückte sich so klar und eindringlich aus, dass sich neue Türen im Bewusstsein öffnen, neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen und man die Welt mit anderen Augen sieht. Ich habe Fanons Werk jahrelang studiert und weiß deshalb, dass er sich nicht einfach mit einem Stift oder einer Schreibmaschine hingesetzt und den Text niedergeschrieben hat. Er hat ihn vielmehr diktiert: Seine Frau Josie notierte seine Worte, und anschließend wurde das Ganze von jemand anderem abgetippt. Während er diktierte, ging er umher und entwickelte seine Ideen. Sobald man das weiß, liest man ihn anders, denn er vermittelte seine Gedanken in einer Form, die ich als Bewusstseinsstrom bezeichne. Warum ist das wichtig? Weil alle Autoren, die das Schreiben erlernen, auch lernen, was man nicht schreiben sollte. Sie lernen, diszipliniert in den Bahnen zu denken, die ihnen beigebracht wurden. Doch Frantz Fanon schrieb nicht, er diktierte, als würde er Reden halten. Was er sagte, entsprang direkt und ungefiltert seinem Bewusstsein. Er wollte kraftvolle Wahrheiten aussprechen, so dass die Menschen, die seine Worte lasen oder hörten, begreifen würden, warum die Revolution notwendig war. Er schrieb also auf eine Weise, die sich stark von der anderer Autoren unterschied. Gleich zu Beginn seines Werkes »Die Verdammten dieser Erde« schreibt er: »Diese in Abteile getrennte, diese zweigeteilte Welt wird von verschiedenen Menschenarten bewohnt.« Dabei handele es sich um die Kolonisierten und die Kolonisatoren, zwei getrennte und unterschiedliche Arten: Die einen seien frei, die anderen unfrei. Sie lebten in zwei völlig verschiedenen Welten. Fanon schildert das Leben der Menschen in der Welt der Kolonisierten: Sie gingen nicht aufrecht, sondern gebeugt, gezeichnet von ihren Nöten durch Überbevölkerung, Hunger und Mangel. Die Welt der Kolonisatoren bestehe aus sauberen Straßen und grünen Wiesen, während die Kolonisierten von Steinen, Glasscherben und Müll umgeben seien. Er schildert es so anschaulich, dass man sich ein Bild davon machen und begreifen kann: Um Menschen zu sein, um wahrhaft Menschen zu sein, müssen die Kolonisierten für ihre Freiheit kämpfen. Das macht er unmissverständlich klar. Genau diese Lektion müssen junge Menschen verinnerlichen, denn alles, was ihnen in öffentlichen Schulen – egal ob Grundschule oder weiterführende Schule – beigebracht wurde, war Lüge. Frantz Fanon ist unverzichtbar, weil er die Wahrheit schreibt. |
![]()
|